Auch nach über 20 Jahren noch gelten Dream Theater als der Standard in Sachen Progressive Metal. Ihre Meilensteine “Images and Words” und “Scenes from a Memory” haben die Band jedoch in eine unangenehme Position gebracht: Das Meisterwerk hat man abgeliefert – wie um alles in der Welt will man das nun noch toppen? Die letzten vier Alben der Band lagen alle auf dem gewohnt hohen Niveau der Band, aber trotzdem schielte man immer ein bisschen wehmütig auf den Geniestreich, der “Scenes from a Memory” war und dessen Komposition und Songwriting unerreicht blieben.
Das zehnte Studioalbum der Band, “Black Clouds and Silver Linings”, steht vor demselben Problem – und erreicht erneut nicht die Sphären der Genialität. Dream Theater halten ihr Niveau, ohne sich zu häufig auf künstlerische Höhenflüge zu begeben – das reicht freilich immer noch für eins der besten Metal-Alben des Jahres.
Alleine der Opener, “A Nightmare to Remember”, geht sofort ins Ohr. Ein klassischer Metal-Riff wechselt sich mit sphärischen Passagen und dem bekannten Instrumenten-Angeberei der Virtuosen John Petrucci und Jordan Ruddess ab, dazu die sanfte Stimme von James LaBrie, der nicht mehr ganz zum Sound der Band passt, aber eigentlich auch nicht mehr wegzudenken ist.
Der zweite Track, “A Rite of Passage”, kommt leider eher uninspiriert daher. Riffs und Refrain sind öde, dafür bietet der Song den vielleicht besten Solo-Wahnsinn der Platte. “Whither” ist der vielleicht kommerziellste Song der Band bisher, eine melancholische Powerballade, die auf zu schnelle Soli und zu viele Taktwechsel verzichtet und sich weitgehend auf ihren schönen Refrain verlässt.
Ganz anders kommt dann “The Shattered Fortress” daher, der Abschluss der Zwölf-Schritte-Suite, die mit “The Glass Prison” ihren Anfang nahm. Man mag Mike Portnoy Faulheit vorwerfen, wenn man bemerkt, dass der Song fast ausschließlich aus Versatzstücken der letzten vier Tracks der Suite besteht, andererseits ist dieser Weg für das Grande Finale auch irgendwo logisch.
Fast noch kitschiger als “Whither” kommt dann das dreizehnminütige “The Best of Times” daher, das erstmal mit einem schmalzigen Geigen-Solo beginnt. Wenn man jedoch realisiert, dass Portnoy den Song für seinen sterbenden Vater geschrieben hat, offenbart sich ein für den Metal ungewöhnlich positive Auseinandersetzung mit dem Thema Tod, die mehr freudige Erinnerung ausdrückt als Trauer.
Der wahrscheinlich beste Track auf dem Album, “The Count of Tuscany”, zeigt dann mal wieder, dass Dream Theater auf Langstrecke immer noch am besten sind. Hier kommt ein Song daher, der 20 Minuten lang ist und eine echte Geschichte erzählt, mit Ideen spielt, Motive vorweggreift und eine emotionale Achterbahnfahrt durchmacht. Hier ist alles drin, deswegen hört man Dream Theater.
So gesehen ist “Black Clouds and Silver Linings” kein perfektes Album – das haben Dream Theater schon hinter sich. Dennoch ist diese Scheibe mal wieder eine Veröffentlichung, die Fans zahlreiche Ohrwürmer bescheren wird und viele tolle Passagen hat, die davon zeugen, dass Dream Theater an der Front des Progressive Metal immer noch den absoluten Standard darstellen.